Herr Strünz und Herr Mut gehen die Rheinstraße hoch

Rheinstr. 1974 / Flickr, zur Verfügung gestellt durch Stadtarchiv Linz am Rhein
 

„Vielleicht erzähle ich Ihnen etwas zu den Häusern, an denen wir passieren“, sagt Herr Mut. „Es könnte doch sein, dass Sie sich dann etwas erinnern, was wichtig für Sie ist.“
„Also gut“, antworte ich seufzend.
„Nun, hier links sehen Sie ein ehemaliges Kaufhaus, in Linz bekannt als das Schmidt-Haus. Mittlerweile kann man darin barrierefrei wohnen. Unten befindet sich eine Art Club-Raum für die Bewohner, außerdem ein Café, das Café Reinartz. Rechts wieder sehen Sie das Modehaus Stuers, einmal für Herren, einmal für Damen. Und dazwischen das Café Kitsch.“
„Zwei Cafés in einem Ort? Ist das nicht übertrieben? Und da hinten war ja auch eins, oder?“
„Das Café Leber“, antwortet Herr Mut und sieht mich nachdenklich an. „Mein lieber Herr Strünz, das sind keineswegs alle Cafés in Linz am Rhein. Sie werden es gleich sehen.“
„Es gibt noch mehr?!“, frage ich entgeistert. „Aber warum denn?“
„Hm.“ Herr Mut ist stehengeblieben. Links von uns befindet sich der Eingang des einen Cafés. Immer, wenn sich jemand der Tür nähert, öffnet sich diese. Seltsamerweise sehe ich niemanden, der die Tür auf und zu macht, aber verstecken kann er sich nicht, denn die Tür und die Wand sind verglast, somit durchsichtig. Ich denke, hier ist wirklich sehr vieles sehr seltsam, eigentlich ist alles seltsam.
„Hm“, wiederholt Herr Mut. „In Linz am Rhein gibt es seit über 100 Jahren Tourismus, doch ich habe langsam das Gefühl, Sie haben diese 100 Jahre nicht erlebt. Eigenartig, wirklich sehr eigenartig.“
„Nun, eigenartig finde ich das in der Tat auch, jedoch ist es so, dass ich mich nicht erinnere, woran ich mich überhaupt erinnern könnte,wenn ich mich erinnern würde.“
„Ja, ich erinnere mich, dass Sie das angedeutet haben“, bemerkt Herr Mut lächelnd. „Deswegen sind wir ja hier, Herr Strünz. Deswegen gehe ich ganz langsam mit Ihnen durch die Stadt, in diesem Moment durch die Rheinstraße, weil ich die Hoffnung habe, dass Sie sich wieder erinnern, wenn Sie etwas sehen, was Sie kennen. Allerdings wurde mir soeben deutlich, dass es schwieriger werden könnte, als ich dachte, denn es sieht so aus, als wären sie eine längere Zeit nicht mehr hier gewesen, und in der Zwischenzeit hat sich womöglich die Stadt so sehr verändert, dass Sie nichts wiedererkennen können. Aber wir lassen uns nicht entmutigen.“
„Das wäre auch schlecht, wie möchten Sie mich denn sonst weiter begleiten?“
Er blickt mich amüsiert an. „Ihr Humor ist köstlich, Herr Strünz. Nun, zur rechten Hand sehen Sie die Metzgerei Berg, durchaus ein Haus mit Tradition. Die Metzgerei ist seit 1995 darin, aber das Haus selbst stammt aus 1579, also schon etwas älter. Daran könnten Sie sich doch erinnern? Oder auf der anderen Seite, wo jetzt Restaurant ‚Bollywood‘ drin ist. Der alte Name der Gaststätte, ‚Zur Alten Post‘, ist ja noch zu sehen. Kommt Ihnen das womöglich bekannt vor? Das Haus ist ähnlich alt wie dieses hier und war schon oft als Gaststätte oder Bäckerei im Gebrauch, früher auch bekannt unter dem Namen ‚Im Stern‘.“
„Ich weiß Ihre Bemühungen wirklich sehr zu schätzen, Herr Mut, aber mir kommt nichts von dem bekannt vor“, erwidere ich zerknirscht.
„Das ist interessant. Es lässt mich vermuten, dass Sie sowohl an Gedächtnisschwund als auch an einem Zeitsprung leiden. Mir ist nichts darüber bekannt, dass jemals zuvor beides erlitten hätte, vor allem über einen so großen Zeitraum hinweg. Im schlimmsten Fall wurden Sie direkt aus der Zeit, als die Burg erbaut wurde, in diese gebeamt.“
„Was geschah mit mir?“, frage ich irritiert nach.
„Gebeamt. Entschuldigen Sie, den Ausdruck können Sie nicht kennen. Er stammt aus der Fernsehserie …“ Er hält inne, als er meinen Gesichtsausdruck sieht. „Nicht so wichtig, Herr Strünz. Jedenfalls waren Sie eben noch dort in jener Zeit und nun sind Sie jetzt hier und jetzt.“
„Und das nennt man …“
„Beamen. Also, eigentlich bedeutet Beamen, jemanden von einem Ort zum anderen … Nicht so wichtig. Jedenfalls ist es so, wie es ist, hier und jetzt.“
„Das mag wohl stimmen“, bestätige ich. „Mir scheint, es hat sich viel verändert, wann und wo auch immer.“
„Dem mag ich nicht widersprechen, aber ich frage mich gerade, wie sinnvoll es dann ist, dass ich mit Ihnen durch die Stadt gehe. Selbst die Burg sieht ja inzwischen ganz anders aus als zur damaligen Zeit.“
„In der Tat. Die ganze Stadt sieht anders aus.“ Ich seufze. „Was ist eigentlich dieses hier?“ Ich deute auf ein Bild in einem der Geschäfte. Es verändert sich, ohne dass jemand zu sehen wäre, der dafür verantwortlich ist. Genauso geheimnisvoll und ein wenig auch furchterregend wie die von unsichtbaren Dienern geöffnete Tür im Café unten im ehemaligen Haus von irgendjemandem.
„Das ist ein Monitor. Funktioniert so ähnlich wie das Beamen.“
„Das verstehe ich nicht“, sage ich wahrheitsgemäß. „Befinden sich diese Leute in diesem … Kasten?“
„Eigentlich ist das ein Monitor und da drin befinden sich nur Bilder. Bilder kennen Sie bestimmt?“
„Ja, sie werden gemalt oder gezeichnet.“
„Das kommt heutzutage immer noch vor, aber es gibt inzwischen weitere Arten der Bilderzeugung. Möchten Sie ein Bild von sich erzeugen lassen, Herr Strünz?“
„Vielleicht später mal“, erwidere ich leise und betrachte das Haus mit den anders erzeugten Bildern. Krimmel. Ist das, wie die Bilder erzeugt werden? Nein, das hat sich anders angehört. Bimmen oder so.
„Sagen Sie, Herr Mut, das hier ist doch alles magisch, nicht wahr? Eine andere Erklärung gibt es doch nicht dafür, oder?“
„Doch gibt es. Hinreichend fortschrittliche Technologie … Entschuldigen Sie, ich habe Sie schon wieder verwirrt. Was mache ich bloß mit Ihnen? Sagen Sie mal, können Sie sich an jemanden erinnern, den Sie damals kannten? Vielleicht kommen wir auf diese Weise weiter.“
Da wir inzwischen auch anders, nämlich per pedes, weitergegangen sind, erreichen wir den Marktplatz, wo wir schon waren. Er sieht dem, woran ich mich erinnere, gar nicht ähnlich, das liegt aber wohl daran, dass ich mich an gar keinen Marktplatz erinnere. Es gab zwar damals den Wollmarkt …
„Herr Mut, ich erinnere mich an den Wollmarkt!“
„An den Wollmarkt? Du meine Güte, das ist aber nun wirklich schon sehr, sehr lange her! Und an den Marktplatz gar nicht? An die Kapelle?“
„An welche Kapelle?“ Ich blicke mich suchend um. „Wo ist hier eine Kapelle?“
„Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts abgebaut, aber sie stand hier rechts. Hätte sein können. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher in meiner Erinnerung, es ist schon lange her und ich halte mich ja nicht nur in Linz auf, aber ich glaube, das ist nicht ganz 600 Jahre her, dass die Kapelle erbaut wurde. Für die Ewigkeit war sie nicht.“
„Nicht für die Ewigkeit?“
„Ach, nicht so wichtig. Herr Strünz, haben Sie eigentlich Hunger? Oder würden Sie gerne einen Kaffee trinken?“
Was hat er bloß immer mit seinem Kaffee? Und was genau ist das überhaupt?
Wenn ich ehrlich bin, denke ich inzwischen, dass ich verloren bin. Verloren in Zeit und Raum. Wie ein Schiffbrüchiger, fernab der Heimat, doch meine Insel liegt im Strom der Zeit.
„Also gut, ich würde gerne Kaffee trinken“, sage ich niedergeschlagen. „Was das auch immer ist.“
„Hervorragend!“, ruft Herr Mut begeistert. „Ich verspreche Ihnen, danach geht es Ihnen viel besser. Ich schlage vor, wir gehen in mein Lieblingscafé.“
Ich frage lieber nicht, welches das ist. Mir schwirrt sowieso schon der Kopf, weil die ganze Stadt voller Cafés zu sein scheint. Hängt mit dem Tourismus zusammen, so viel habe ich verstanden. Wenn ich jetzt auch noch wüsste, was das ist. Der junge Mann am Brunnen hat ja auch etwas von Touristenattraktion gesagt, aber schlauer macht mich das nicht unbedingt.
Seufzend folge ich Herrn Mut, in der berechtigten Hoffnung, wenigstens bald zu erfahren, was Kaffee überhaupt ist.