Herr Strünz und Herr Mut auf dem Burgplatz

Burgplatz 1940
Burgplatz, 1940

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen?“
Ich zucke unwillkürlich zusammen und drehe mich zu dem Menschen um, der mich von hinten angesprochen hat. Er muss aus der Rheinstraße gekommen sein, denn ich schaute gerade noch zu dem Rheintor, durch das ich hoffte, den Rhein zu erblicken, eine Hoffnung, die enttäuscht wurde. Doch bevor ich Gelegenheit hatte, darüber nachzudenken, wieso sich das Rheintor Rheintor nennt, wenn es doch gar nicht zum Rhein führt, wurde ich von hinten angesprochen, also von einem Mann, der wohl aus der Rheinstraße gekommen war.
Ein Mann mit schwarzen Haaren, etwas kleiner als ich, dezent ergraut an den Schläfen. Er hat freundlich dreinblickende, grüne Augen, die mich neugierig mustern.
Ein Gefühl der Vertrautheit ergreift von mir Besitz, obwohl ich nicht sagen kann, was der Grund dafür sein könnte. Doch ganz sicher weiß ich, dass er jemand ist, der mir vielleicht tatsächlich helfen kann. Woher ich das weiß?
Das wiederum weiß ich nicht.
„Das weiß ich nicht“, antworte ich also wahrheitsgemäß.
„Nun, ich denke, ich kann das“, sagt er, immer noch freundlich. Er strahlt eine ungewöhnliche Ruhe aus. „Wir sollten uns vielleicht hinsetzen, zum Beispiel dort auf die Bank, an dem Baum. Oder möchten Sie lieber einen Kaffee? Im Café Leber, Café Reinartz oder im Café Kitsch können wir Kaffee trinken und Kuchen essen.“
„Vielleicht später“, erwidere ich. „Ich bin völlig durcheinander. Die Bank klingt gut.“
Wir gehen zu der Bank, die um einen großen Baum herum gelegt wurde. Hier sitzen schon einige Leute. Wir blicken auf die Burg, der eigenartige Mann sitzt links von mir.
„Mein Name ist Herr Mut“, sagt er. „Und wie heißen Sie?“
„Strünz. Mein Name ist Strünz. Können Sie mir sagen, was hier geschehen ist?“
„Geschichte“, sagt er. „Geschichte ist passiert. Mir scheint, Sie wurden aus Ihrer Zeit in diese, aus Ihrer Sicht in die Zukunft, ge… Nun, ich würde sagen, hinversetzt. Allerdings ist es mir, ehrlich gesagt, ein Rätsel, wie das geschehen konnte.“
Ich betrachte ihn verwundert. „Sie scheinen sich ja gar nicht darüber zu wundern, Herr Mut!“
„Nun, ich habe in meinem langen Leben schon vieles gesehen, so schnell wundere ich mich über nichts. Doch wir müssen nun darüber nachdenken, wie wir Ihnen helfen können.“
„Wieso tun Sie das überhaupt? Alle anderen haben kein Verständnis für meine Situation, Sie hingegen verhalten sich so hilfsbereit. Wie ist das möglich?“
„Nun, die meisten Menschen werden geboren, leben ihr Leben und sterben irgendwann. Wir beide jedoch sind keine gewöhnlichen Menschen, obwohl ich mir noch nicht im Klaren darüber bin, wer oder was Sie sind.“
„Aber was sind Sie dann?“
„Ich bin ein Ideengeist“, antwortet der freundliche Herr Mut. „Mich hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Zumindest solange, wie es Menschen gibt, die Ideen haben.“
„Könnte ich auch ein Ideengeist sein? Immerhin erinnere ich mich daran, wie jene Burg gebaut wurde, wenngleich an mehr auch nicht!“
Herr Mut schüttelt den Kopf. „Nein, ein Ideengeist sind Sie wohl nicht. Ich denke, Sie sind überhaupt kein Geist. Ganz sicher sind Sie aber auch kein gewöhnlicher Mensch, obwohl ich denke, dass Sie geboren wurden wie ein Mensch. Ich vermute, dass ein Elternteil ein übernatürliches Wesen gewesen sein.“
„Ein übernatürliches Wesen?!“
„Ja.“
„So was wie … der Teufel?“
„Nun“, sagt Herr Mut lächelnd, „der Teufel ist allerdings auch ein übernatürliches Wesen, das ist wohl wahr. Aber ich denke eher an so was wie eine Rheinhexe, von denen es hier früher sehr viele gab. Heute sind sie fast ausgestorben, aber einige gibt es noch.“
„Eine Rheinhexe?“
„In der Tat, Herr Strünz, in der Tat. Sagen Sie mal, sind Sie denn dem Erzbischof seinerzeit begegnet?“
„Daran erinnere ich mich nicht. Möglich wäre es, denke ich.“
„Ja, das denke ich auch. Herr Strünz, ich schlage vor, dass wir gemeinsam durch die historische Altstadt von Linz am Rhein spazieren. Vielleicht erinnern Sie sich dabei an etwas, das uns einen Hinweis auf Ihre Herkunft geben könnte. Zwar hat sich vieles verändert, aber nicht alles.“
„Oh ja“, erwidere ich düster. „Zum Beispiel der Burgplatz! Der ist sehr anders als damals. Dieses … Café Leber: Da stand früher nur ein kleines Lokal, das weiß ich noch. Und dort war die Stadtmauer, jetzt kann man dort durchgehen! Und dann diese seltsamen Kutschen. Wenn sie sich bergab bewegen, verstehe ich das. Aber wie können sie sich bergauf bewegen? Ich habe noch kein einziges Pferd gesehen, seitdem ich hier bin!“
„Oh, Pferde gibt es schon lange nicht mehr, höchstens in Wien die Fiaker, aber das sind Touristenattraktionen.“
„Wie ich?“
Er runzelt kurz die Stirn, dann erinnert er sich wohl und lächelt. „In gewisser Weise wie Sie, Herr Strünz, ja. Und, was halten Sie von meiner Idee?“
„Was bleibt mir auch denn sonst übrig?“
„Nun, Sie könnten zur Polizei gehen, dort angeben, dass Sie sich an nichts erinnern, außer daran, wie die Burg gebaut wurde, und dann warten Sie in einer Gummizelle auf Ihre Erinnerungen.“
„Was ist eine …?“
„Gummizelle? Dorthin werden Menschen gebracht, die seltsame Sachen behaupten. Zum Beispiel, dass sie schon vor 700 Jahren gelebt haben. Und wenn man den Eindruck hat, sie könnten für sich oder andere Menschen eine Gefahr darstellen, dann werden sie in eine Jacke ohne Ärmel und die Gummizelle gesteckt.“
„Also auch Ideengeister?“
„Auch Ideengeister, wenn sie auf die Idee kommen, den falschen Leuten zu erzählen, dass sie Ideengeister sind. Allerdings ist das so, dass man weder Ideen noch Geister allzu lange irgendwo einsperren kann. Sie finden immer einen Weg nach draußen.“
„Ich verstehe“, erwidere ich und mustere ihn neugierig. Eigentlich habe ich es nicht verstanden, gleichwohl habe ich eine Art Idee, was er gemeint haben könnte. „Eine Frage habe ich noch. Wieso haben Sie gerade so betont, dass wir in Linz am Rhein sind?“
„Nun, es gibt ja auch noch Linz an der Donau. Ich wollte im Grunde einer möglichen Verwechslungsgefahr vorbeugen.“
„Ich verstehe. Selbstverständlich habe ich von dieser anderen Stadt bereits gehört, aber dort war ich noch nie.“
„Ich schon“, sagt Herr Mut. „Diese andere Stadt ist anders als Linz am Rhein, das kann man, denke ich, auf jeden Fall so sagen. – Nun, Herr Strünz, wir sollten dann mal aufbrechen. Oder möchten Sie jetzt einen Kaffee trinken? Linz verfügt über einige gastronomische Betriebe, die Kaffee im Angebot haben.“
„Vielleicht später mal“, murmele ich. Was hat er immer mit dem Kaffee? „Ich würde gerne jetzt versuchen, ob ich irgendwo eine Erinnerung finde.“
„Natürlich.“ Herr Mut erhebt sich und deutet auf die Rheinstraße. „Dort sollten wir anfangen, denke ich. Dann gehen wir erst einmal über den Marktplatz, dann durch die Mittelstraße zum Buttermarkt und schließlich über die Neustraße zum Neutor. Danach sehen wir weiter. Es gibt immerhin einige Gässchen zu entdecken. Sogar die Donau haben wir hier.“
Ich sehe ihn irritiert an, verzichte aber darauf, mich zu erkundigen, wie das gemeint wäre, damit sich der Beginn unseres Spaziergangs nicht noch länger hinauszögert. Herr Mut scheint gerne zu erzählen, und wenn er das während des Gehens täte, wäre das besser.
„Gut, dann gehen wir“, sagt er nach einer kurzen Pause.
Da bin ich ja mal sehr neugierig.

(Bild: Creative common, Stadtarchiv Linz am Rhein: https://www.flickr.com/photos/stadtarchivlinzrhein/31810466497/in/album-72157672142341502/)