Herr Strünz und der Burgplatz

Ich starre auf die Burg. Vielmehr auf das, was von ihr übriggeblieben ist. Nicht viel.
Wo ist der Weiher? Wo ist die Stadtmauer? Wo ist die Auffahrt? Wo ist der „Kleine Winkel“?
Und wieso weiß ich überhaupt, wie es hier aussehen müsste? Das ist alles sehr eigenartig und verwirrend, dass ich gleichzeitig sehe, wie es jetzt und heute aussieht, ohne zu wissen, wann das eigentlich ist, und wie es mal aussah. Wann sah es so aus?
Wasser gibt es immer noch, da steht ein Brunnen. Zumindest scheint es ein Brunnen zu sein, obwohl er anders aussieht als die meisten Brunnen, die ich kenne. Aber das Wasser umgibt nicht die Burg, zum Eingang der Burg führt eine Treppe. Und die Stadtmauer! Sie ist fort! Wie ist so was möglich?
Ich wende mich an einen Jungen, der gerade neben der Burg hergekommen ist und jetzt die Rheingasse hoch will. Nein, heißt ja Rheinstraße. Wie komme ich auf Rheingasse?
„Junge, was ist mit der Stadtmauer passiert? Gab es einen Krieg? Wurde die Stadt eingenommen?“
Der Junge, vielleicht 13, sieht mich verwirrt an. „Stadtmauer? Krieg? Der ist schon lange her. Haben Sie getrunken, oder was?“
„Wie redest du mit mir, Junge?“
„Na, Sie sind mir ein schräger Vogel! Lassen Sie mich jetzt los, sonst rufe ich die Polizei!“ Er reißt sich los und geht kopfschüttelnd davon.
Hier muss etwas ganz Schreckliches passiert sein, das ist wohl auch der Grund, warum ich mich nicht mehr erinnere. Schon allein die Sprache, wie sie sprechen! Und wie ich denke? Meine eigenen Gedanken kommen mir seltsam vor, sie sind so – anders.
Habe ich vielleicht geschlafen? Jahre? Wie kann das nur sein? Wenn ich mich bloß erinnern könnte, wer ich eigentlich bin! Und wieso ich mich erinnere, wie es hier mal ausgeschaut hat? Oder ist das alles bloß ein Traum?
Ich trete näher an den Brunnen. Was soll das eigentlich sein? Da scheint ein Fisch Wasser zu spucken, aber wen soll die Figur darstellen? Ich kenne sie jedenfalls nicht. Irgendwie gehört sie nicht hierher. Der ganze Brunnen gehört nicht hierher. Hier hat die Brücke zu sein, die zur Burg führt.
Ich versuche, den Brunnen wegzuschieben, vielleicht ist er ja nur vorübergehend zur Dekoration da. Oder weil sich darunter ein Höllenschlund aufgetan hat und die Linzer wollen nicht, vollkommen berechtigterweise, dass der Höllenfürst empor steigt. Das wäre wenigstens noch eine nachvollziehbare Erklärung, obwohl ich dazu geraten hätte, eine Marienstatue zu nehmen. Oder einen Apfelbaum zu pflanzen. Nun ja, Letzteres hätte der Höllenfürst natürlich auch missverstehen können.
Aber was dieser Brunnen soll, das verstehe ich nun wirklich nicht!
Jemand lacht in meiner Nähe. Ich werde drei Menschen gewahr, die an einem Tisch auf Stühlen sitzen, aus einem Material, das mir seltsam vorkommt. Mich seltsam dünkt, geht mir zuerst durch den Kopf, ein Ausdruck von eigenartiger Vertrautheit.
Als die drei Menschen bemerken, dass ich sie beobachte, sagt einer von ihnen, ein junger Mann, immer noch lachend: „Den Brunnen werden Sie wohl kaum da wegschieben können!“
„Das habe ich sehr wohl gemerkt“, erwidere ich. „Doch ich bin ratlos, denn mir erschließt sich der Grund für dieses Gebilde nicht!“
„Das ist ein Brunnen“, erwidert er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Dies ist mir durchaus aufgefallen, mein Herr, doch hielt ich ihn für eine Attrappe, eine Täuschung. Erst dachte ich, hier hätte sich ein Höllenschlund aufgetan, dieses Gebilde diene dazu, den Herren der Finsternis in seinem Loch zu halten. Doch mir scheint, ich liege mit dieser Vermutung falsch.“
„Durchaus, der Herr, durchaus!“, sagt er lachend. „Doch sagt mir, bezahlt Euch die Burg?“
„Wie bitte?“
„Nun, Ihre Darstellung wirkt gelungen! Ich nehme an, Sie werden als Touristenattraktion von der Burg bezahlt.“
„Wie bitte?!“ Ich starre ihn empört an. „Wie können Sie es wagen, Derartiges zu denken? Und warum sollte das Bistum jemanden bezahlen, um … Wie nannten Sie es doch gleich? Touristenattraktion?“
„Sie müssen ja nicht gleich Ihre Rolle so übertreiben“, sagt der junge Mann freundlich. „Aber ich gebe zu, Sie spielen Ihre Rolle wirklich gut. Vielleicht können Sie mir ja auch sagen, welcher Bischof die Burg besetzt hält.“
„Das kann ich leider nicht“, erwidere ich. „Es war der Erzbischof Engelbert III., der sie errichten ließ, doch mir ist nicht bekannt, welches Jahr wir derzeit haben.“
„2019.“
„2019?!“ Das kann nicht sein! Die Errichtung der Burg geschah 1365 nach Christus, mehr oder weniger, und jetzt soll das bereits fast 700 Jahre her sein? Ich erinnere mich daran noch, als wäre es gestern gewesen!
Wie kann so was nur geschehen?
Wer bin ich?

Eine weitere Ansicht der Burg, auch bereits ohne Weiher: https://www.flickr.com/photos/stadtarchivlinzrhein/30665044534/in/album-72157672142341502/